DER GESCHMACK WAR SCHON DA.
Wann wird aus einer Erinnerung ein kulinarisches Erlebnis – und wer bestimmt ihren Wert?
Eigenständige Audioarbeit
DER GESCHMACK WAR SCHON DA.
UN/HEARD
Ein Abend im SchwarzGold.
Ausgangspunkt meiner Untersuchung ist ein Restaurantbesuch im SchwarzGold in Dortmund, einem Sternerestaurant auf dem Gelände der ehemaligen Kokerei Hansa.
Das Restaurant verbindet die industrielle Geschichte des Ruhrgebiets mit zeitgenössischer Spitzenküche. Schon die Namen einzelner Gerichte greifen vertraute Bilder auf: Currywurst, Fischstäbchen, Hanuta, Kiosk und gemischte Tüte.
Gerichte, Produkte und Begriffe aus dem Alltag erscheinen in einem anderen Zusammenhang. Sie werden neu zubereitet, benannt, präsentiert und in eine gastronomische Erzählung eingebunden.
Mich interessiert nicht zunächst, ob diese Küche ihren Preis wert ist, sondern was geschieht, wenn vertraute Geschmäcker und Erinnerungen in einem anderen kulturellen und wirtschaftlichen Rahmen wiederkehren.
Der Geschmack war schon da. Was ist hinzugekommen?
Hier beginnt die Untersuchung.
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01
Was nehme ich wahr?
Ein vertrauter Name. Ein anderer Zusammenhang.
Ein Gericht kann bereits eine Vorstellung auslösen, bevor ich es probiere. Currywurst, Fischstäbchen oder Hanuta sind nicht nur Bezeichnungen für Lebensmittel. Sie können mit Alltag, Kindheit, bestimmten Orten und persönlichen Erfahrungen verbunden sein.
Im SchwarzGold begegnen solche Namen einer anderen Form der Zubereitung und Präsentation. Ein vertrauter Begriff wird Teil eines mehrgängigen Menüs, einer gastronomischen Inszenierung und eines besonderen Ortes.
Dabei verändert sich der Zusammenhang, in dem ich den Namen wahrnehme.
Was erkenne ich wieder? Den Geschmack? Den Namen? Eine Erinnerung? Oder die Vorstellung einer Erinnerung?
Kann ich etwas wiedererkennen, das in dieser Form vorher gar nicht existiert hat?
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02
Was irritiert mich?
Wann wird aus Alltag etwas Besonderes?
Ein vertrautes Lebensmittel muss nicht besonders erklärt werden, solange es Teil unseres Alltags ist. Im Kiosk, in einer Imbissbude oder zu Hause besitzt es seinen eigenen Zusammenhang. Wir kaufen, bereiten zu, essen und teilen es, häufig ohne uns über seine kulturelle Bedeutung Gedanken zu machen.
Im Restaurant kann derselbe Name eine andere Aufmerksamkeit erhalten. Er wird Teil einer bewussten Komposition. Herkunft, Zutaten und Zubereitung werden hervorgehoben.
Was vorher selbstverständlich war, erscheint plötzlich erklärungsbedürftig und kulturell bedeutsam.
Vielleicht liegt gerade darin ein Teil des gastronomischen Konzepts. Aber warum verändert sich meine Wahrnehmung durch den neuen Rahmen?
Wird der Geschmack aufgewertet – oder verändert sich vor allem die Art, wie wir ihn betrachten?
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03
Was wirkt bereits?
Ruhrgebiet. Herkunft. Erinnerung.
Der Name SchwarzGold trägt selbst eine Geschichte. Er verweist auf Kohle und industrielle Vergangenheit. Der Ort, die ehemalige Kokerei Hansa, verstärkt diese Beziehung.
Auch die Menübezeichnungen greifen Vorstellungen von Herkunft und regionaler Identität auf.
Doch was verstehen wir eigentlich unter einem typischen Ruhrgebietsgeschmack? Welche Lebensmittel gehören dazu? Wer legt das fest? Welche Erinnerungen werden sichtbar, und welche bleiben im Hintergrund?
Das Ruhrgebiet ist nicht nur durch industrielle Arbeit geprägt. Seine Esskultur ist auch durch Einwanderung, Austausch und unterschiedliche Lebensweisen entstanden.
Wenn ein Restaurant diese Geschichte kulinarisch aufgreift, trifft eine gestaltete Erzählung auf die individuellen Erinnerungen seiner Gäste.
Wer erzählt die Geschichte einer Region – und wessen Geschichte wird erzählt?
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04
Was ist der Preis?
Hundertneunundsechzig Euro.
Ein Menüpreis beschreibt zunächst ein gastronomisches Angebot. Er steht auch im Zusammenhang mit Produkten, Arbeitszeit, handwerklichen Fähigkeiten, Räumen, Service und wirtschaftlichen Bedingungen.
Doch im SchwarzGold verbindet sich der Preis mit einer weiteren Ebene: der Inszenierung vertrauter Alltagsgeschmäcker.
Was bezahle ich? Die Lebensmittel? Die Zubereitung? Die Arbeit? Die Präsentation? Den Ort? Eine besondere Erfahrung?
Oder auch die Möglichkeit, einer eigenen Erinnerung in einer neuen Form zu begegnen?
Ein hoher Preis bedeutet nicht automatisch, dass eine Erinnerung kommerzialisiert oder jemandem weggenommen wird. Aber er verändert den Rahmen, in dem sie angeboten und erlebt wird.
Was ist eine Erinnerung wert, wenn sie Teil eines Menüs wird?
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05
Was widerspricht meiner Annahme?
Gehört der Geschmack jemandem?
Es wäre einfach zu behaupten, dass die Spitzenküche vertraute Alltagsgerichte vereinnahmt und teurer verkauft. Doch diese Erklärung greift zu kurz.
Kulinarische Gestaltung kann auch neue Perspektiven eröffnen. Sie kann handwerkliche Fähigkeiten sichtbar machen, vertraute Zutaten anders erfahrbar machen und die Geschichte alltäglicher Speisen neu betrachten.
Vielleicht entsteht nicht die Verdrängung eines ursprünglichen Geschmacks, sondern eine zusätzliche Interpretation.
Ein Hanuta vom Kiosk verschwindet nicht dadurch, dass ein Restaurant eine eigene kulinarische Arbeit unter diesem Namen entwickelt. Die persönliche Erinnerung bleibt ebenfalls bestehen.
Und trotzdem verändert sich etwas.
Der vertraute Name wird aus seinem bisherigen Zusammenhang gelöst und in einen anderen überführt.
Ist das Aneignung, Interpretation, Erinnerung oder eine neue Form kultureller Wertschätzung?
Ich möchte diese Möglichkeiten nicht vorschnell auf eine einzige Bewertung reduzieren.
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06
Wer ist beteiligt?
Der Teller steht nicht allein.
Ein Gericht entsteht nicht allein durch die Idee eines Küchenchefs. Zahlreiche Menschen und Materialien sind beteiligt.
Lebensmittel müssen angebaut, erzeugt, transportiert, vorbereitet, gekocht und serviert werden. Ein gastronomisches Konzept wird von unterschiedlichen Fähigkeiten und Arbeitsprozessen getragen.
Auf der Speisekarte erscheinen Produzenten, Orte und Produktnamen. Damit werden bestimmte Beziehungen sichtbar.
Doch wie verändert diese Benennung unsere Wahrnehmung? Welche Arbeit erhält Aufmerksamkeit? Welche bleibt selbstverständlich?
Wie entsteht der Wert einer Speise durch das Zusammenspiel von Menschen, Material, Wissen und körperlichem Handeln?
Wer macht den Geschmack möglich – und wer bekommt dafür Anerkennung?
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07
Und was ist mit mir?
Welche Geschichte bringe ich selbst mit?
Ich begegne den Namen nicht voraussetzungslos. Auch ich habe Vorstellungen vom Ruhrgebiet, vom Kiosk, von bestimmten Lebensmitteln und von Spitzenküche.
Meine Erfahrungen beeinflussen, was ich wiedererkenne und welche Bedeutungen ich den Gerichten zuschreibe.
Warum beschäftigt mich gerade der Gegensatz zwischen Alltag und gastronomischer Aufwertung? Welche Rolle spielt der Preis für meine Wahrnehmung?
Würde ich dasselbe Gericht anders beurteilen, wenn ich seinen Namen, seinen Herstellungsort oder seinen Preis nicht kennen würde?
Und warum interessiert mich die Frage, ob ein Geschmack jemandem gehört?
Ich erkenne, dass auch meine Untersuchung eine Form der Inszenierung ist. Ich wähle Worte, stelle Bezüge her und verschiebe Bedeutungen.
Damit ist meine eigene künstlerische Arbeit Teil der Frage.
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08
Aus der Erfahrung entsteht eine Audioarbeit
DER GESCHMACK WAR SCHON DA.
Aus der Auseinandersetzung mit dem Restaurantbesuch entsteht eine Audioarbeit der Reihe UN/HEARD.
Ich verwende Namen, Begriffe, Preise und Assoziationen als sprachliches und klangliches Material. Currywurst, Hanuta, Fischstäbchen und Kiosk begegnen Herkunft, Arbeit, Luxus, Erinnerung und Geld.
Worte werden wiederholt, zerschnitten, neu verbunden und gegeneinander gestellt.
Aus SchwarzGold wird SchwarzGeld.
Aus regional wird Regal und Regie.
Aus einem Menü entsteht eine sprachliche Montage.
Die Audioarbeit ist kein Restaurantbericht und keine gewöhnliche gastronomische Kritik. Sie untersucht, wie Namen und Bedeutungen aufeinandertreffen und sich verändern können.
Dabei wird auch die künstlerische Bearbeitung selbst zum Gegenstand meiner Untersuchung.
Was geschieht, wenn ich die Erzählung des Restaurants aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang löse und mit anderen Stimmen, Rhythmen und Fragen verbinde?
Wie unterscheidet sich meine künstlerische Aneignung von der kulinarischen Neuinterpretation, die ich untersuche?
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09
Was verändert sich?
Vom Geschmack zur Bedeutung.
Am Anfang steht die Frage nach einem vertrauten Geschmack in einem neuen gastronomischen Zusammenhang.
Doch während der Untersuchung verändert sich meine Aufmerksamkeit. Mich interessiert zunehmend weniger, ob die neue Zubereitung dem erinnerten Original entspricht.
Ich beginne zu fragen, wie Geschmack überhaupt mit Erinnerung, Herkunft, Arbeit, kulturellen Vorstellungen und wirtschaftlichem Wert verbunden wird.
Was geschieht mit einem vertrauten Geschmack, wenn er in der Spitzenküche neu interpretiert wird?
Wer gibt einem Geschmack Bedeutung, und wie verändert sich diese Bedeutung, wenn Menschen ihn neu erzählen, gestalten und bewerten?
Die Frage richtet sich damit nicht mehr nur auf das Restaurant. Sie betrifft auch meine eigene Arbeit mit Sprache, Erinnerung und künstlerischer Montage.
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10
Wo steht die Untersuchung heute?
Der Restaurantbesuch ist der Ausgangspunkt. Die Audioarbeit ist eine künstlerische Reaktion. Die Untersuchung führt weiter.
Ich möchte nicht abschließend beurteilen, ob das SchwarzGold Erinnerungen aufwertet, neu interpretiert oder kommerziell nutzt.
Mich interessiert, wie diese unterschiedlichen Bedeutungen entstehen.
Dazu müsste ich genauer betrachten, wie die Küche ihre Entscheidungen trifft, welche Erfahrungen andere Gäste mitbringen und wie Produzenten, Mitarbeitende und andere Beteiligte ihre Arbeit selbst verstehen.
Auch meine eigene Position bleibt offen.
Vielleicht habe ich den Preis zunächst zu stark hervorgehoben. Vielleicht übersehe ich andere Formen von Wert. Vielleicht verändert ein Gespräch mit den Beteiligten meine bisherige Interpretation.
Die Audioarbeit bleibt als künstlerischer Untersuchungsstand bestehen. Sie kann neue Fragen auslösen, ohne bereits die endgültige Antwort zu enthalten.
DER GESCHMACK WAR SCHON DA.
ABER WER HAT IHM SEINEN WERT GEGEBEN?
ICH UNTERSUCHE. UND ICH TEILE.
Steffen Rolla
Untersuchungsverlauf
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Ausgang
Restaurantbesuch im SchwarzGold
Bezug zum bisherigen Stand
Datum nicht gesichert.
Ausgangspunkt der Untersuchung.
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Spätere Wiederaufnahme · Neues künstlerisches Werk
2026 — Audioarbeit
Bezug zum bisherigen Stand
DER GESCHMACK WAR SCHON DA. · UN/HEARD
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Spätere Wiederaufnahme · Perspektivverschiebung ·
Redaktioneller Untersuchungsentwurf
Bezug zum bisherigen Stand
Ausführliche Untersuchung über das Verhältnis zwischen Geschmack, Erinnerung, kultureller Erzählung und wirtschaftlichem Wert.
Die Untersuchung bleibt offen.